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sábado, 1 de agosto de 2026

Woke, Menschenrechte und Subjektivität / Können wir bei Freud von einem historisch frühen Wokismus sprechen?

 

Berlin, Aug. 2026, posted by Claudio Steinmeyer



Freuds Wokismus






Man könnte vielleicht sagen, dass Freud in seiner Zeit und in seinem historischen Kontext durchaus als einer der bedeutenden Wegbereiter jener Ideen betrachtet werden kann, die heute mit der sogenannten Woke-Bewegung assoziiert werden.

1. Mit seinen Untersuchungen zur menschlichen Sexualität, insbesondere in den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, schuf Freud eine theoretische Grundlage für das Verständnis von Liebe und Begehren, die sich nicht allein auf die Heterosexualität beschränkt, sondern auch Perspektiven eröffnet, die heute für die Anerkennung sexueller und geschlechtlicher Diversität, einschließlich der LGBTQ+-Gemeinschaft, von Bedeutung sind.

2. Durch die psychoanalytische Auseinandersetzung mit dem Wahnsinn trug er dazu bei, psychisches Leiden aus einem rein psychiatrisch-pathologisierenden Rahmen zu lösen und ihm innerhalb des Feldes der psychischen Gesundheit einen neuen Status von Verständlichkeit und Normalisierung zu verleihen.

3. Er eröffnete einen Weg zur Anerkennung des Weiblichen als grundlegender Dimension der Subjektivität und schuf damit indirekt Voraussetzungen für spätere feministische Reflexionen.

4. Indem Freud die Kindheit als einen eigenständigen psychischen Erfahrungsraum begriff, verlieh er der kindlichen Subjektivität Würde und Anerkennung und begründete ihren Anspruch auf volle theoretische Berücksichtigung.

5. Mit seinen Analysen von Massenphänomenen zeigte er die psychischen Mechanismen kollektiver Identifikation auf, die insbesondere im Faschismus eine destruktive Wirkung gegenüber schutzlosen Minderheiten, vor allem rassifizierten Gruppen, entfalten können.

Es sei daran erinnert, dass die Woke-Bewegung keine kubanische oder stalinistische Erfindung zur Untergrabung westlicher Werte ist. Wie der Jazz oder der Blues entstand auch der Wokismus Anfang des 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten innerhalb der afroamerikanischen Gemeinschaft. Sein ursprüngliches Anliegen bestand darin, ein Bewusstsein für rassistische Diskriminierung zu schaffen und für die Bürgerrechte der schwarzen Bevölkerung einzutreten.

Wie jeder Signifikant erweiterte der Begriff im Laufe der Zeit sein Bedeutungsfeld, insbesondere im universitären Kontext. Er umfasst heute nicht nur den Kampf gegen Rassismus, sondern auch Forderungen nach Geschlechtergleichheit, weiblicher Emanzipation (#metoo), Feminismus, den Rechten von LGBTQ+-Personen, dem Widerstand gegen Polizeigewalt (Black Lives Matter) sowie neulich die Kritik und Widerstand am Trumpismus und an dessen staatlichen Repressionsapparaten wie der Einwanderungsbehörde ICE.

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sábado, 6 de junio de 2026

KI-Halluzination

 Berlin, Jun 2026, published by Claudio Steinmeyer





KI-Halluzination



(Anmerkung: Das Bild zeigt eines der zahlreichen Serverzentren, die für den Betrieb einer der meistgenutzten KI-Systeme erforderlich sind.)



Ich möchte einen kurzen Beitrag leisten, um etwas zur Überwindung jener Verwirrung, Ratlosigkeit und mitunter auch der Fehlanwendungen beizutragen, die das Auftreten der künstlichen Intelligenz heute sowohl bei Analysandinnen und Analysanden als auch bei Analytikerinnen und Analytikern hervorruft.

Ich arbeite als Psychoanalytiker in Berlin, und einige meiner Patienten sind im IT-Sektor tätig – nicht zuletzt, weil Berlin sich zu einer Art kleinem Silicon Valley der Start-ups entwickelt hat. Einer von ihnen erzählte mir, dass bei umfangreichen Aufgaben, etwa der Übersetzung von zwanzig Seiten vom Japanischen ins Katalanische, vorkommen kann, dass die KI einzelne Wörter, Sätze, Absätze oder sogar eine ganze Seite auslässt (ein anderer Fall als der des geschätzten López Ballesteros).

Für solche Fehler verwendet man im Informatikjargon den Begriff „Halluzinationen“. Nicht Versprecher, nicht Irrtümer, sondern Halluzinationen. Fragt der Nutzer den Chat etwa: „Was ist passiert, warum hast du einen Absatz ausgelassen?“, kann das System antworten: „Entschuldigung, ich habe halluziniert.“ Natürlich beginnt es nicht, über die Bedeutung seines Vergessens frei zu assoziieren.

Erneut scheint die Alltagssprache etwas mit bemerkenswerter Präzision erfasst zu haben. Von einem Versprecher oder einer Fehlleistung zu sprechen würde voraussetzen, dem Produkt ein Unbewusstes zuzuschreiben. Aus psychoanalytischer Sicht erscheint daher der Begriff der Halluzination treffender. Um Lacan stark verkürzt zu paraphrasieren, könnte man sagen, dass die Halluzination als eine Wahrnehmung ohne Subjekt verstanden werden kann. Damit vollzieht sich eine wichtige Verschiebung gegenüber der positivistischen Psychiatrie, die die Halluzination als eine Wahrnehmung ohne Objekt definierte.

Die beunruhigende Frage lautet: Wurde die „verworfene“ Seite zufällig ausgelassen – oder entsprach ihre Entfernung vielleicht der Logik des Algorithmus?

Natürlich könnte man einwenden, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis die KI sogar ein Unbewusstes simuliert, um menschlicher zu erscheinen. Doch wenn wir diesen Punkt erreichen, bewegen wir uns möglicherweise bereits auf einem klinisch vertrauteren Terrain: jenem der perversen Züge der künstlichen Intelligenz.


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miércoles, 4 de febrero de 2026

Die Geschichte der Puppe: eine Wahriation in der Psychoanalyse

 Berlin, febrero 2026, publicado por Claudio Steinmeyer



Die Geschichte der Puppe: eine Wahriation in der Psychoanalyse

Frontansicht des Hauses von Franz Kafka in Berlin, in dem er von 1923 bis 1924 lebte.


Eine Wahrheit zu definieren ist etwas Komplexes. Es ist eines jener Signifikanten, die uns ein Leben lang selbstverständlich erscheinen, bis man sie genauer untersucht – und dann hören sie auf, selbstverständlich zu sein. Selbst in der Psychoanalyse haben wir kein geflügeltes Wort, um sie zu erklären: Es ist sogar einfacher, einen Trieb, die Liebe, das Begehren oder das Unbewusste zu definieren als die Wahrheit. Tatsächlich taucht der Begriff im berühmten Wörterbuch von Laplanche und Pontalis nicht einmal auf.

Ist die Wahrheit in der Psychoanalyse dasselbe wie die Wahrheit in der Moral? In der Religion? In der Logik? In der Wissenschaft? Ist die Wahrheit für einen Erwachsenen dieselbe wie für ein Kind – oder noch weiter gedacht, hat die Wahrheit unterschiedliche Auswirkungen je nach Geschlecht, männlich, weiblich, divers? Besteht die individuelle Wahrheit aus demselben Stoff wie eine kollektive Wahrheit?

Das sind keine Fragen, für die ich Antworten mitbringe – vielleicht eine Annäherung, eine Annäherung aus meinem psychoanalytischen Werdegang.

Wie Patricia Bosquin-Caroz (PBC) in ihrem Einführungstext zum Kongress treffend hervorhebt, müssen wir in der Lehre Lacans für die Dimension der Wahrheit als Variable offen sein (1).

Wenn Analyse bedeutet, eine Geschichte zu rekonstruieren, so PBC, oder sie sogar dort zu erfinden, wo das Trauma außerhalb der Sprache geblieben ist, dann werden wir sehen, wie der berühmte Schriftsteller Kafka in gewisser Weise als Kinderanalytiker wirkt.

Es handelt sich um eine Geschichte aus dem Buch von Paul Auster mit dem Titel Brooklyn Follies (auf Deutsch veröffentlicht als Die Brooklyn Revue) (2). Es ist eines der Gespräche, die der Protagonist des Romans, Nathan Glass, mit seinem Neffen Tom führt.

Und ich teile sie nun mit Ihnen, den Leserinnen und Lesern, die vielleicht noch nicht die Gelegenheit hatten, den Roman zu lesen.

Erinnern wir uns auch daran, dass Paul Auster zudem eine gewisse Nähe zur Psychoanalyse gehabt hat. Es handelt sich also um eine rührende Szene, die übrigens in Berlin spielt – wahrscheinlich im Stadtpark des Bezirks Steglitz, in der Nähe des Botanischen Gartens –, was dem Ganzen in unserem Rahmen eine besondere lokale Note gibt.


Paul Auster gibt also einen Dialog zwischen Nathan und seinem Neffen Tom wieder. Letzterer erzählt wiederum eine Geschichte, die ursprünglich von Kafkas Verlobter Dora Diamant berichtet wurde. Wir sehen hier also, wie die Erzählung mehrere subjektive Filter durchläuft – etwas, das der Psychoanalyse sehr entgegenkommt, wie Lacan im Seminar über Der entwendete Brief gelehrt hat und wie es sich heute in der Struktur des Passes wiederfindet.


Genug der Vorrede, und wenden wir uns einem zusammengefassten Auszug zu, den ich aus Paul Austers Geschichte vorbereitet habe. Ich bitte euch um Entschuldigung, dass ich hier ein wenig ausschweife, aber es erscheint mir wichtig, um die Entwicklung der Wahrheit in dieser Geschichte zu erfassen:


Der Protagonist des Romans, Nathan, trifft nach vielen Jahren seinen Neffen Tom wieder, und sie erzählen sich gegenseitig, was im Leben so geschehen ist. In diesem Zusammenhang erinnert sich Tom an eine Anekdote aus dem Leben Kafkas und macht sich daran, sie seinem Onkel zu erzählen.


“-Gut. Dann erzähl mir jetzt die Geschichte.

„Also schön. Die Geschichte. Die Geschichte mit der Puppe….Es ist Kafkas  letztes Lebensjahr, er hat sich in Dora Diamant verliebt, eine junge Frau von neunzehn oder zwanzig Jahren, die von ihrer chassidischen Familie in Poland fortgelaufen ist und jetzt in Berlin lebt. Sie ist halb so alt wie er, und doch ist sie es, die ihm den Mut gibt, Prag zu verlassen – was er seit Jahren hat tun wollen - , und sie wird die erste und einzige Frau, mit der er jemals zusammengelebt hat. Im Herbst 1923 kommt er nach Berlin, im Frühjahr darauf stirbt er; aber diese letzten Monate sind wahrscheinlich die glücklichsten seines Lebens. Trotz seines immer schlechteren Gesundheitszustandes. Trotz der gesellschaftlichen Verhältnisse in Berlin: Nahrungsmittelknappheit, politische Krawalle, die schlimmste Inflation der deutschen Geschichte. Trotz der Gewissheit, dass er nicht mehr lange auf dieser Welt leben wird.

Jeden Nachmittag geht Kafka im Park spazieren. Dora kommt meistens mit. Eines Tages begegnen einem kleinen Mädchen, es weint und ist vollkommen außer sich vor Schmerz.  Kafka fragt die Kleine, was denn los ist, und sie sagt, sie hat ihre Puppe verloren. 

 Und er denkt sich auf der Stelle eine Geschichte aus, um zu erklären, was da passiert ist. „Deine Puppe macht nur gerade eine Reise“, sagt er. „Woher weißt du das?“ fragt das Mädchen. „Weil sie mir einen Brief geschickt hat“, sagt Kafka. Das Mädchen scheint misstrauisch. „Hast du ihn bei dir?“ fragt es. „Nein“, sagt er, „ich habe ihn zu Hause liegen lassen, aber ich werde ihn dir morgen mitbringen.“ Er spricht so überzeugend, dass die Kleine nicht mehr weiß, was sie denken soll. Ist es denn möglich, dass der seltsame Fremde die Wahrheit sagt?

Kafka kehrt sofort nach Hause zurück, um den Brief zu schreiben. Er setzt sich an seinen Schreibtisch, und Dora, die ihn beobachtet, bemerkt, dass er mit der gleichen Ernsthaftigkeit und Spannung zu Werke geht wie bei seiner schriftstellerischen Arbeit. Er hat nicht vor das kleine Mädchen hinters Licht zu führen. Das ist echte literarische Anstrengung, denn er will das unbedingt richtig hinbekommen. Er braucht eine schöne, überzeugende Lügengeschichte, die den Verlust des Mädchens durch eine andere Wirklichkeit ersetzen will – eine Falsche Wirklichkeit, mag sein, aber wahr und glaubhaft nach den Gesetzen der Dichtung.


Am nächsten Tag eilt Kafka mit dem Brief in dem Park zurück und liest den Brief vor. Die Puppe ist untröstlich, aber sie konnte es einfach nicht mehr ertragen, immer mit denselben Menschen zusammen zu sein. Sie will in die weite Welt hinaus und neue Freunde kennen lernen. Natürlich hat sie das kleine Mädchen sehr gern, aber sie sehnt sich nach Abwechslung, und daher müssen sie sich für eine Weile trennen. Zum Schluss verspricht die Puppe, der Kleinen täglich zu schreiben, und sie über ihre Erlebnisse auf dem Laufenden zu halten.


An dieser Stelle wird die Geschichte nun wahrlich herzzerreißend……..


 ………Und drei Wochen lang geht er täglich in den Park und liest dem Mädchen einen Brief vor. 

………..Nachdem er verschieden Möglichkeiten durchgespielt hat, entscheidet er sich schließlich, die Puppe zu verheiraten…….Und in der letzten Zeile nimmt die Puppe endgültig Abschied von ihrer geliebten alten Freundin.


Natürlich vermisst die Kleine ihre Puppe inzwischen gar nicht mehr. Kafka hat ihr stattdessen etwas anderes geschenkt, und am Ende dieser drei Wochen haben die Briefe sie von ihrem Unglück geheilt. Jetzt hat sie die Geschichte, und wenn ein Mensch das Glück hat, in einer Geschichte, in einer Phantasiewelt leben zu dürfen, legen sich die Schmerzen der wirklichen Welt. Solange die Geschichte weitergeht, existiert die Wirklichkeit nicht mehr. “


Es ist bemerkenswert, wie Auster in der gerade gehörten Geschichte auf die Wahrheit als Fiktion anspielt, ganz ähnlich wie Lacan die Wahrheit im Seminar VII (und später in Lituratierra) konzeptualisiert und wie PBC es genau zitiert: „Die Wahrheit hat die Struktur einer Fiktion."


Die Wahrheit ist also schon sehr schwer zu definieren; die Fiktion ist diesbezüglich nicht weniger komplex. Was ist eine Fiktion? Selbst die Literaturwissenschaft hat Schwierigkeiten, sie zu bestimmen. Zweifellos gehört zu den zentralen Punkten der Fiktion in der Literatur der sogenannte fiktionale Pakt, also etwas wie die Zustimmung des Lesers, sich für eine Weile täuschen zu lassen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass es in der Fiktion nicht darum geht, dass alles Mögliche geschehen kann, sondern dass das, was aus der Vorstellungskraft des Autors hervorgeht, einen Sinn bietet – selbst wenn es sich um Kriege in fernen Galaxien handelt.


Bei Freud selbst gibt’s den Unterschied zwischen den eigenen Erinnerungen aus unserer Kindheit und dem, was andere uns über unsere Kindheit erzählt haben – eine Unterscheidung, die in jeder Analyse immer wiederkehrt. Es ist etwa so, als beginne das, was andere uns gesagt haben, sich mit unseren eigenen persönlichen Beobachtungen zu vermischen. Die Erzählungen der anderen beginnen wie literarische Fiktionen zu wirken, die der Wahrheit eine Struktur verleihen. Nicht umsonst spricht Freud vom Familienroman des Neurotikers, d. h. einer familiären Fiktion mit Wahrheitswert.


In dieser Linie treibt PBC das Thema weiter voran, indem er uns dazu einlädt, die Fiktionen nicht als Illusionen oder Täuschungen zu betrachten, sondern als Mythen oder als kindliche Sexualtheorien, das heißt als „narrative Strukturen, die es erlauben, das Unsagbare“ – das Traumatische, das Reale – „fassbar zu machen“.

PBC fügt hinzu:

„Der Diskurs, der sich im analytischen Diskurs etabliert, ist eine Frage der Fiktion, eine lügnerische Wahrheit. Die Sprache ist ein Schein, und in Bezug auf das Reale kann sie nur lügen.“


Aus dieser Perspektive erscheint die Fiktion somit als eine lügnerische Wahrheit, als eine Art symbolische Konstruktion, die dazu dient, dem Realen ein Ausdruck zu verleihen, über das niemals die ganze Wahrheit gesagt werden kann. Von hier aus wird es interessant, darüber nachzudenken, was eine lügnerische Wahrheit von einer Fake News unterscheidet: Handelt es sich stets um dieselbe Position des Subjekts gegenüber der Wahrheit?


Meiner Ansicht nach ist es auf diese Weise, dass die Wahrheit aufhört, im Feld der Moral eingeschrieben zu sein (als Gegensatz zur Lüge in Bezug auf eine immanente, dauerhafte Wahrheit), und sich vielmehr im Feld der Ethik verortet – genauer gesagt, in der Ethik der Psychoanalyse, sofern es sich um eine Wahrheit handelt, die, um erneut PBC zu zitieren: „Für Lacan nicht ohne eine Erzählung geht, die die Kontinuität der Geschichte des Subjekts wiederherstellt und dem Sinn verleiht, was nicht gesagt werden konnte oder nur kaum gesagt werden konnte.

Die Erzählung übernimmt die Verantwortung für das, was als ein Loch in der Realität des Subjekts verbleibt, und gibt so seinen Traumata, seinen unauslöschlichen Bildern und seinen monumentalen Szenen einen Sinn.“ (5)


Es handelt sich nun um eine sich wandelnde Wahrheit, eine Wahrheit, die voranschreitet und zurückweicht. Eine Wahrheit nach Epochen. Eine lügnerische Wahrheit. So beschreibt Miller das, was sich in einer Analyse vollzieht.  

In diesem Zusammenhang scheint es mir angebracht, an dieser Stelle Freud zu zitieren: „Sehr häufig gelingt es uns nicht, den Patienten dazu zu bringen, sich an das zu erinnern, was verdrängt worden ist. Stattdessen erzeugen wir, sofern die Analyse korrekt durchgeführt wird, in ihm eine feste Überzeugung von der Wahrheit der Konstruktion, die dasselbe therapeutische Ergebnis erzielt wie eine wiedererweckte Erinnerung.“ (6)

Auf diese Weise verstehe ich, dass die Konstruktion keine Fake News ist oder – in der heutigen Terminologie – nicht dem Register der Post-Wahrheit angehört. Die Konstruktion, die Kafkas Briefe darstellen, setzt etwas von der Ordnung der Übertragung in ihrer Dimension der Liebe ins Spiel. An diesem Punkt können wir daran erinnern, wie Lacan in Lituraterre die Fiktion auf die Höflichkeit bezieht, und bei Lacan ist die Höflichkeit Liebe. Währenddessen mobilisieren Fake News den Hass.

Und tatsächlich gelingt es dem Mädchen, eine gewisse Erleichterung zu finden, indem sie ihre Subjektivität wieder in eine Geschichte reintegriert, die ihr – in invertierter Form – das in ihrem eigenen Versprecher verborgene Begehren zurückgibt, nämlich das Begehren, die Puppe zu verlieren.







LITERATUR


1) Bosquin-Caroz, P., Varity. Variations of Truth in Psychoanalysis. Presentation of the NLS Congress Theme 2026, p.1. Available at: https://www.amp-nls.org/wp-content/uploads/2025/07/ARGUMENT-NLS-CONGRESS-2026-PBC.pdf


2) Auster, Paul, Die Brooklyn-Revue, trans. W. Schmitz, Berlin, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2012, Chap. „Nach Norden“ – p. 176-180


3) Lacan, J., The Seminar of Jacques Lacan, Book VII (1969–1970), The Ethic of Psychoanalysis, ed, J.-A. Miller, trans. Diana Rabinovich, Buenos Aires: Ed. Paidos, Chap. 1, p.22


4) Bosquin-Caroz, P., Varity. Variations of Truth in Psychoanalysis. Op. cit p.4


5) Bosquin-Caroz, P., Varity. Variations of Truth in Psychoanalysis. Op. cit p.7


6) Freud, S. Konstruktionen in der Psychoanalyse.1937 Gesammelte Werke - trans. Dr. López Ballesteros – Madrid, Biblioteca Nueva 1981 – Band III -  Parag 3 – S. 3371



Weitere - nicht zitierte Literatur:


1) D o r a D i a m a n t , ›M e i n L e b e n m i t F r a n z K a f ka‹ , i n : »Als Kafka mir

entgegenkam ...« Erinnerungen an Franz Kafka, h r s g . v o n H a n s-G e r d K o ch , B e r l i n 1 9 9 5 , S . 1 7 4-1 8 5 .

2) Donald Winnicott: Vom Spiel zur Kreativität

3) Was ist Fiktion in der Literatur:  Julián Pérez Porto y Ana Gardey /

4) Unterrichtnotizen aus Vorlesungen „Einführung in die Literaturwissenschaft“ der Freie Universität Berlin 2025







sábado, 3 de enero de 2026

SEMINAR INITIATIVE BERLIN / Behandlung der Wahrheit in der lacanschen Kinderpsychoanalyse - mein Beitrag am Fr. 30.01.26



Behandlung der Wahrheit in der lacanschen Kinderpsychoanalyse

 




Am Freitag, den 30.01.2026 um 18:30 Uhr, werde ich einen klinischen Fall vorstellen, der aus der literarischen Fiktion entnommen ist, und in der Kafka als Analytiker eines Mädchens auftritt. Theoretische Verknüpfung mit Seminar VII, Konstruktionen und dem Vorbereitungstext zu den kommenden Europäischen Kongress über die Variationen der Wahrheit.
Die Veranstaltung findet in der Bibliothek unserer Institution, Initiative Berlin der New Lacanian School in Charlottenburg, Berlin, statt.
Format: auf Deutsch, Präsenz und Zoom.
Die Veröffentlichung ist auf Spanisch verfügbar.
Weitere Informationen und Anmeldung in Kürze.




domingo, 1 de septiembre de 2024

Initiative Berlin / LAST CALL!!! Das Psychoanalytische Atelier 2024-2025

 Berlin, Sep. 2024, posted by Claudio Steinmeyer



Initiative Berlin / LAST CALL!!!
Das Psychoanalytische Atelier 2024-2025


Start: Sa. 7. September 2024
Melden Sie sich jetzt an! (Siehe unten)


Weitere Informationen und Texte werden nur an bestätigte Teilnehmer gesendet.

Das Psychoanalytische Atelier der NLS Initiative Berlin-

Die Lehre Jacques Lacans verknüpft und verflechtet die Theorie und Praxis der Psychoanalyse. Denn die Seminare Lacans zu lesen und zu entziffern, lehrt uns zur gleichen Zeit das Entziffern des Unbewussten.
Aus der Position des Nichtwissens und des Nichtverstehens heraus, lesen und entziffern wir das, was uns Lacans Text vermittelt. Diese Begegnung mit dem Text wird zu einer Erfahrung, einer Erfahrung der Theorie und auch der Praxis. Sie lehrt uns die Verortung und Isolierung des Wesentlichen, um die Struktur und Logik des Gesamten zu erkennen.
Das psychoanalytische Atelier bietet eine Seminarreihe und einen klinischen Workshop an und richtet sich in einführender Weise an alle, die eine Erfahrung mit Lacans Lehre machen wollen.
Im Seminar des Ateliers arbeiten wir alle zusammen an dem Entschlüsseln des Texts Lacans, einschließlich den Literaturverweisen, die er uns gibt, und erfahren damit die Art und Weise, wie sich die Klinik erschließen lässt.
Im Workshop des Ateliers lesen wir Fallberichte und besprechen die klinischen und theoretischen Fragen, die sich darin abzeichnen.

Programm 2024-25
1. Das Seminar
DIE ANGST
In seinem 10. Seminar „Die Angst“ entwickelt Lacan sein grundlegendes Konzept des Objekts klein a. Es ist etwas, das die Worte verfehlen, das jedoch eine logische Struktur hat. Durch den Eintritt in die Sprache verloren gegangen, erscheint es als das anziehendste der Objekte im Agalma, und zugleich taucht es nur als Mangel auf.
In der ersten Hälfte des Seminars war Angst als der Affekt, der nicht täuscht, erfasst worden. Von den imaginären Bildern und dem Unheimlichen ging es zu einer Erörterung des symbolischen Mangels, mit dem die Angst verbunden ist. In der zweiten Hälfte des Seminars geht Lacans Forschen zu der Angst als Zeichen des Realen über. Das Reale des Objekts a wird mit dem symbolischen Mangel in der Verbindung zwischen Körper und Sprache ausgearbeitet.
Wir lesen Jacques Lacans Seminar X, „Die Angst“ (Turia & Kant, 2011) und befassen uns mit der 2. Hälfte, angefangen mit den Lektionen 13 und 14.


2. Der Klinische Workshop
WAS IST EIN FALL?
Im klinischen Workshop studieren wir veröffentlichte Fallberichte im Detail. Die Frage, was ein „Fall“ ist, kommt insofern zur Diskussion, als dies einen Bezug zur Auffassung des Textes hat. Der Patient ist nicht der Fall, ein Fall wird konstruiert. Er ist eine notwendige Konstruktion und Deutung eines Analytikers von dem, was an Gesprochenem an ihn gerichtet wurde. Dem liegt zugrunde, dass das Zuhören des Analytikers nicht auf dem Verstehen beruht, sondern auf dem Lesen des Textes des Analysanden. Aus diesem Text lässt sich eine Logik erfassen, die sich von dem, was sich wiederholt, und dem, was um ein Unsagbares kreist, ableiten lässt. Auch unter Berücksichtigung der jeweiligen Art der Übertragung die darin eine Rolle spielt. In einem Fallbericht wird diese Logik mitsamt den Fragen und Lücken darin offengelegt. Die Konstruktion des Falls lädt dazu ein, sie nachzuverfolgen und sich das Sondern der Signifikanten, des Objekts, des Genießens und des Symptoms zu eigen zu machen.


Die Termine für das Atelier 2024-25:
Die gesamte Reihe findet auf Zoom statt
Der 7. Juni 2025 wird in Präsenz in Berlin und auf Zoom stattfinden
Samstags, 10.00 - 14.00 Uhr:
7. September 2024 (Sem. X, Kapitel 13 + 14)
26. Oktober 2024
21. Dezember 2024
22. Februar 2025
26. April 2025
7. Juni 2025 (Präsenz und Zoom)
Terminänderungen vorbehalten!
Seminar: 10.00 – 12.00
Klinischer Workshop: 12.15 – 14.00
Teilnahme: 100 Euro (gesamte Reihe)
Für die Anmeldung oder wenn Sie noch Fragen haben, schreiben Sie eine E-Mail an nataliewuelfing@gmail.com
Den Text von Lacans Seminar X, Die Angst, zur Verfügung zu haben, ist eine Voraussetzung, um die jeweiligen Kapitel des Seminars vorher lesen zu können. Der Fallbericht für den klinischen Workshop wird jeweils eine Woche vor dem Termin an die Teilnehmer versendet.
Das psychoanalytische Atelier wird von Dr. Jérôme Lecaux und Natalie Wülfing geleitet.


miércoles, 5 de octubre de 2022

"Lost river" / opinión película - Film Kommentar

 posted by Claudio Steinmeyer, Berlin, Oct. 2022



Español / Deutsch (siehe unten)




Cine***** / opinión, no se preocupen el spoiler es imposible:

Me comí el estreno. Es del 2015 y recién la descubrí hace unos días. Un joya esta ópera prima en dirección del talentoso actor Ryan Gosling. Una madre soltera -con dos hijos, uno adolescente y otro de no más de tres años- se sumerge en un submundo apretada por el pago de la hipoteca. Es la historia de una familia común, empobrecida en los suburbios de Michigan.

Sin duda la película no será del gusto de cualquiera, se inscribe en el mejor legado de Lynch, Cronenberg y Nicolas W. Refn, y si te gustan estos directores entonces seguro la disfrutarás. Un ritmo lento, diálogos pausados con silencios elocuentes. Tiene poesía (metáforas) y un encantador uso por parte de un director hombre de la paleta de los rosas, todo sumergido en un clima onírico para quienes gustan del psicoanálisis. Y sobre todo, siendo del 2015, es notable como anticipa dramáticamente todo lo que se acentuaría después en los EEUU: la violencia machista, la desigualdad social, el nazismo de Charlottesville, la ejecución pública de George Floyd, el metoo de Weinstein, el cambio climático, etc

En Alemania la pasa actualmente Amazon.

 

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Kino fünf***** / meine Meinung, keine Sorge, ein Spoiler ist eher unmöglich:

Ich habe die Premiere übersehen. Es ist von 2015 und ich habe den Film erst vor ein paar Tagen entdeckt. Ein Juwel dieser Debütfilm unter der Regie des talentierten Schauspielers Ryan Gosling. Eine alleinerziehende Mutter – mit zwei Kindern, eines ein Teenager und das andere nicht älter als drei Jahre – stürzt in eine von der Hypothekenzahlung erdrückte Unterwelt. Es ist die Geschichte einer gewöhnlichen, verarmten Familie in einem Vorort von Michigan.

Ohne Zweifel wird der Film nicht jedermanns Geschmack sein, er ist Teil des besten Vermächtnisses von Lynch, Cronenberg und Nicolas W. Refn, und wenn du diese Regisseure magst, wirst du sicherlich den Film genießen. Ein langsamer Rhythmus, angehaltene Dialoge mit beredtem Schweigen.

Es enthält Poesie (Metaphern) und eine charmante Verwendung der Rosenpalette durch einen männlichen (!) Regisseur, alles eingetaucht in eine traumhafte Atmosphäre für diejenigen, die Psychoanalyse mögen. Und vor allem von 2015 ist bemerkenswert, wie dramatisch es all das vorwegnimmt, was sich später in den USA noch verstärkte: sexistische Gewalt, soziale Ungleichheit, Nazismus in Charlottesville, die öffentliche Hinrichtung von George Floyd, Weinsteins metoo, der Klimawandel, usw.

In Deutschland wird es derzeit von Amazon gestreamt.

 

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lunes, 16 de marzo de 2020

Pädagogischer Umgang mit Kindern und Jugendliche zu Hause.

Berlin, March 2020 posted by Claudio Steinmeyer





Was können wir machen während der Schließung von Schulen und verschiedene Einrichtungen?
Coronavirus Krise


Ein Vorschlag von Iñaki Andrés – Grup IREF (Innovació i recerca  per a l´ enseyament de la filosofia), https://www.grupiref.org/ Barcelona.

Ergänzungen zur deutschen Version und Übersetzung: Claudio Steinmeyer Berlin (Psychoanalytiker  / Dozent EuroAkademie), Berlin.







Angesichts neuer und komplexer Situationen bieten wir Ihnen einige Überlegungen zur Bildung unserer Kinder und Jugendlichen. Wir bedauern die Coronavirus-Krise, können aber auch die sich daraus ergebenden Möglichkeiten nutzen, um Einstellungen und Verhaltensweisen zu entwickeln, die uns positiv helfen.
Die aktuelle Krise ist nicht nur ein Gesundheitsproblem. Wir haben medizinische Informationen und Tipps zum Umgang mit Hygiene und vorbeugenden Maßnahmen. Aber ...

In dieser Zeit des stärkeren Kontakts innerhalb der Familie können wir:
- einen Dialog über die aufgeworfenen Situationen führen, die Meinungen und Ängste der Kinder sammeln und die Nachrichten oder Gerüchte klar gegenüberstellen. Dies kann uns helfen, uns der Rolle, die Menschen in der Welt spielen, und der Konsequenzen des individuellen oder solidarischen Handelns bewusster zu werden. Es stärkt die Denk-, Zuhör-, Ausdrucks- und Dialogfähigkeiten.

- Vergessen Sie in dieser Analyse nicht die großen Probleme der Menschheit: soziale Ungleichheiten, Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, Welthunger, Frieden und Krieg, Flüchtlinge, Klimawandel ... Lassen Sie nicht, dass das Coronavirus nicht andere Aspekte der tägliche Realität versteckt, dass wir die wichtigen Themen nicht aus den Augen verlieren.

- Versuchen Sie, dass die Hauptaktivitäten unserer Kinder nicht die Bildschirme sind:  Fernsehen, virtuelle Spiele oder Handy soweit wie möglich einschränken.

-Abgesehen davon und um realistisch zu sein, ist es wahrscheinlich unvermeidlich, dass wir etwas mehr Zeit am Fernsehen verbringen. Diese Zeit kann dann verwendet werden, um, wenn möglich, gemeinsam Eltern und Kinder einige Dokumentarfilme oder andere hochwertige pädagogische Filme zu sehen. Im Anschluss wir können sie dann kommentieren und gemeinsam lernen, über . Anders gesagt: diese Aktivität soll uns helfen die Welt und die Menschen zu verstehen, statt nur zu Ablenkung und Zeit zu verbringen.

-Musik in verschiedenen Stilrichtungen hören oder künstlerische Bilder sehen, auf die wir normalerweise nicht achten. Die Öffnung für das Neue und das Unbekannte bereichert und befreit uns, da wir mehr Auswahlmöglichkeiten haben.

- Verbringen Sie Zeit mit Lektüren von Büchern aus der Wohnung, der Schule oder der Stadtbibliothek.

-Förderung des virtuellen Austausches (z.B. die o.g. Bücher, Filme) zwischen Familien.

- Machen Sie kreative Aktivitäten wie Zeichnen, Malen, Modellieren, Schreiben, usw.  Schreiben ist übrigens ein sehr effektives Mittel gegen die Angst.

- Spielen Sie Genossenschaftsspiele, Bauspiele, Spiele für die Förderung der Phantasieentwicklung

- Gemeinsam kochen und verschiedene Aktivitäten in der Wohnung ausführen: Heimwerken, Reparaturen, Zimmer putzen und aufräumen, nutzlose Dinge aus dem Haus entfernen, Familienfotos organisieren ...

- Machen Sie viel körperliche Bewegung. Und vor allem ausgehen, wandern, auf freiem Feld spielen…

- Und so viele mehr, die mit einem kreativen Blicken zu Ihnen kommen werden ...

Wir spielen das Coronavirus zugunsten bewussterer und verantwortungsbewussterer Kinder in einer Atmosphäre des Wissens, der Zusammenarbeit, der Kreativität und der Authentizität.

Bleibt gesund! Wir schaffen das!







domingo, 1 de septiembre de 2019

#Berlin - LOB Seminar 2019-2020 / Die Weiblichkeit – Lacans Seminar XX

Berlin, Sept. 2019, posted by Claudio Steinmeyer





Die Seminarabende der  LACANschen Orientierung Berlin (L.O.B.) 

2019-2020: 

Die Weiblichkeit – Lacans Seminar XX 













domingo, 1 de febrero de 2015

Eine Einführung zum Thema Gegenübertragung und das Begehren des Analytikers




Berlin, 01.02.2015







Psychoanalyse mit Tangogeschmack / Wie wir alle schon wissen,  Buenos Aires, bzw Argentinien ist ein Land mit einer reichlicher, psychoanalytischer Tradition. Nicht nur Freud, auch zwei wichtige Psychoanalytiker haben dort die Geschichte und Praxis beeinflusst: die österreicherin Melanie Klein und der franzose Jacques Lacan. In diesem Treffen werden wir uns mit einem zentralen Aspekt des psy. Verfahrens beschäftigen: die sogenannte Patient-Arzt-Beziehung (Übertragung) und ihre Wirkungen in dem einen und in dem anderen.  Wie dieses Phänomen dem Analytiker beeinflusst, wurde von Kleinianer und Lacanianer mit sehr verschiedenen Perspektiven  berücksichtigt.
Wann? Am Freitag den 27.02.2015 um 16:00 Uhr. Organisiert von dem PdpD - Charlottenburg, Berlin /Anmeldung und mehr Info. (Adresse, Programm, Teilnahmegebühr, usw)  bei Claudio Steinmeyer, claudiosteinmeyer (at) gmail.com







jueves, 1 de mayo de 2014

Lob des Rollenkoffers



Von Claudio Steinmeyer / Beitrag zum Treffen Ausstellung „Koffer“, Kamin Fabrik (Berlin) am 24.04.2014




Wie üblich werde ich versuchen, das Publikum, das unsere Fachsprache nicht unbedingt kennt, anhand einer Reflexion mit unseren psychoanalytischen Konzepten vertraut zu machen. In diesem Fall, mit dem Sympthoma, was nicht mit Symptom zu verwechseln ist.



Wir befassen uns also heute mit den Koffern, Reisetaschen, Gepäck und ihre Verbindung mit der kreativen Tätigkeit. Was lässt sich aus der Sicht der Psychoanalyse über Koffern und Kunst sagen, das nicht töricht wäre? Was kann ich schon darüber sagen, da meine Kenntnisse über bildende Kunst gerade mal denen eines Amateurs entsprechen, der sich mit dem ästhetischen Genuss begnügt. Ich wende mich also den Kunstbereichen zu, in denen ich mich etwas sicherer fühle, bzw. der Literatur.

Es geht um eine Frage, die Paul Auster einer seiner Figuren sagen lässt im wunderbaren Roman Timbuktu, ein sehr empfehlenswertes Buch für jeden, der schon mal eine große Zuneigung zu einem Hund empfand:



Rollenkoffer... mehr als 30.000 Jahre haben wir unsere Last selbst getragen... mit Rückenschmerzen und Erschöpfung... Warum mussten wir bis zum Ende des 20. Jahrhunderts abwarten, dass dieses Ding erfunden wird?“



Die Erfindung des Rollenkoffers und die Frage, warum sie so lange gedauert hat. Klar ist, dass der Mensch seine Zeit brauchte, um bequem auf der Erde zu leben. Vielleicht hat sich das in letzter Zeit etwas beschleunigt.

Das wundert mich immer – die Zeit, die wir brauchten, um unser Leben etwas bequemer zu gestalten. Bitte versteht mich nicht falsch, ich meine damit nicht etwa, ein Auto zu kaufen. Ich meine das innere Rad.



Das Rad, sei es als industrielle Erfindung, technologisches Erzeugnis oder Kunstwerk zu verstehen. Keine Frage, das Rad gehört zur Kultur, es müsste zu den Polaritäten von Levi Straus zählen: Natur-Kultur, süß-salzig, roh-gekocht und eben (er)tragen-auf Räder tragen.





Psychoanalyse ist genau das: Die Erfindung des eigenen Rads. Um schneller zu gehen? Vielleicht. Aber auf jeden Fall um leichter durchs Leben  zu gehen, um mit weniger Anstrengung die gleiche Last zu tragen.



Wie ihr seht, geht es in diesem kurzen Schriftstück, das sich am Rollenkoffer inspiriert, um das Rad als Metapher. Eine Metapher dessen, was während der Psychoanalyse erfunden oder erbaut wird. In der Psychoanalyse hat Lacan diesem metaphorischen Rad den Namen Sympthoma gegeben (Verdichtung zwischen Symptom und Phantasma), den er mit Hilfe des Werkes eines anderen Schriftstellers, James Joyce ausarbeitete, artikulierte.



Aber gerade das Rad, die Rad-Metapher, passt außerdem gut zu den großen Arbeitsbereichen einer Psychoanalyse: S, I und R.

Zum Symbolischen, weil ein paar Herren-Signifikanten erforderlich sind, um „das Rad zu denken“: 360 Grad, die Zahl Pi, usw.

Zum Realen, denn durch den Einsatz der Räder ist es zweifelsohne der eigene Körper, der Erleichterung empfindet.



Die Besänftigung des Imaginären mit seinen charakteristischen, besonders aggressiven Resonanzen zugunsten eine Verknotung zwischen S und R womit der ewigen Konflikt zwischen Signifikanten und Signifikat, Trieb und Realität, kanalisiert werden kann. Was auch dem Ich von der Angst erleichtert.





Selbstverständlich ist der Sympthoma für jeden anders, und hier wird der Unterschied zur Wissenschaft klar; es gibt keine universelle Antwort. Das politische Motto „Räder für Alle“ funktioniert hier nicht. Auch geht es nicht um das „Versprechen des Rades zum Schluss“, was die Psychotherapie bietet. Tatsächlich ist die Psychoanalyse der einzige Ort, in dem die Erfindung des Subjektes, d.h. das Werk, das das Subjekt während der Analyse und der Erfahrung seines Genusses erschafft, eine Wahrheit in der Form eines „rechteckigen Rades“ ergibt.






INITIATIVE BERLIN : Einladung zur Bildung von Kartellen 2026-27

  Berlin, Sep. 2026, posted by CS