Berlin, Aug. 2026, posted by Claudio Steinmeyer
Freuds Wokismus
Man könnte vielleicht sagen, dass Freud in seiner Zeit und in seinem historischen Kontext durchaus als einer der bedeutenden Wegbereiter jener Ideen betrachtet werden kann, die heute mit der sogenannten Woke-Bewegung assoziiert werden.
1. Mit seinen Untersuchungen zur menschlichen Sexualität, insbesondere in den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, schuf Freud eine theoretische Grundlage für das Verständnis von Liebe und Begehren, die sich nicht allein auf die Heterosexualität beschränkt, sondern auch Perspektiven eröffnet, die heute für die Anerkennung sexueller und geschlechtlicher Diversität, einschließlich der LGBTQ+-Gemeinschaft, von Bedeutung sind.
2. Durch die psychoanalytische Auseinandersetzung mit dem Wahnsinn trug er dazu bei, psychisches Leiden aus einem rein psychiatrisch-pathologisierenden Rahmen zu lösen und ihm innerhalb des Feldes der psychischen Gesundheit einen neuen Status von Verständlichkeit und Normalisierung zu verleihen.
3. Er eröffnete einen Weg zur Anerkennung des Weiblichen als grundlegender Dimension der Subjektivität und schuf damit indirekt Voraussetzungen für spätere feministische Reflexionen.
4. Indem Freud die Kindheit als einen eigenständigen psychischen Erfahrungsraum begriff, verlieh er der kindlichen Subjektivität Würde und Anerkennung und begründete ihren Anspruch auf volle theoretische Berücksichtigung.
5. Mit seinen Analysen von Massenphänomenen zeigte er die psychischen Mechanismen kollektiver Identifikation auf, die insbesondere im Faschismus eine destruktive Wirkung gegenüber schutzlosen Minderheiten, vor allem rassifizierten Gruppen, entfalten können.
Es sei daran erinnert, dass die Woke-Bewegung keine kubanische oder stalinistische Erfindung zur Untergrabung westlicher Werte ist. Wie der Jazz oder der Blues entstand auch der Wokismus Anfang des 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten innerhalb der afroamerikanischen Gemeinschaft. Sein ursprüngliches Anliegen bestand darin, ein Bewusstsein für rassistische Diskriminierung zu schaffen und für die Bürgerrechte der schwarzen Bevölkerung einzutreten.
Wie jeder Signifikant erweiterte der Begriff im Laufe der Zeit sein Bedeutungsfeld, insbesondere im universitären Kontext. Er umfasst heute nicht nur den Kampf gegen Rassismus, sondern auch Forderungen nach Geschlechtergleichheit, weiblicher Emanzipation (#metoo), Feminismus, den Rechten von LGBTQ+-Personen, dem Widerstand gegen Polizeigewalt (Black Lives Matter) sowie neulich die Kritik und Widerstand am Trumpismus und an dessen staatlichen Repressionsapparaten wie der Einwanderungsbehörde ICE.
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