Berlin, Jun 2026, published by Claudio Steinmeyer
KI-Halluzination
(Anmerkung: Das Bild zeigt eines der zahlreichen Serverzentren, die für den Betrieb einer der meistgenutzten KI-Systeme erforderlich sind.)
Ich möchte einen kurzen Beitrag leisten, um etwas zur Überwindung jener Verwirrung, Ratlosigkeit und mitunter auch der Fehlanwendungen beizutragen, die das Auftreten der künstlichen Intelligenz heute sowohl bei Analysandinnen und Analysanden als auch bei Analytikerinnen und Analytikern hervorruft.
Ich arbeite als Psychoanalytiker in Berlin, und einige meiner Patienten sind im IT-Sektor tätig – nicht zuletzt, weil Berlin sich zu einer Art kleinem Silicon Valley der Start-ups entwickelt hat. Einer von ihnen erzählte mir, dass bei umfangreichen Aufgaben, etwa der Übersetzung von zwanzig Seiten vom Japanischen ins Katalanische, vorkommen kann, dass die KI einzelne Wörter, Sätze, Absätze oder sogar eine ganze Seite auslässt (ein anderer Fall als der des geschätzten López Ballesteros).
Für solche Fehler verwendet man im Informatikjargon den Begriff „Halluzinationen“. Nicht Versprecher, nicht Irrtümer, sondern Halluzinationen. Fragt der Nutzer den Chat etwa: „Was ist passiert, warum hast du einen Absatz ausgelassen?“, kann das System antworten: „Entschuldigung, ich habe halluziniert.“ Natürlich beginnt es nicht, über die Bedeutung seines Vergessens frei zu assoziieren.
Erneut scheint die Alltagssprache etwas mit bemerkenswerter Präzision erfasst zu haben. Von einem Versprecher oder einer Fehlleistung zu sprechen würde voraussetzen, dem Produkt ein Unbewusstes zuzuschreiben. Aus psychoanalytischer Sicht erscheint daher der Begriff der Halluzination treffender. Um Lacan stark verkürzt zu paraphrasieren, könnte man sagen, dass die Halluzination als eine Wahrnehmung ohne Subjekt verstanden werden kann. Damit vollzieht sich eine wichtige Verschiebung gegenüber der positivistischen Psychiatrie, die die Halluzination als eine Wahrnehmung ohne Objekt definierte.
Die beunruhigende Frage lautet: Wurde die „verworfene“ Seite zufällig ausgelassen – oder entsprach ihre Entfernung vielleicht der Logik des Algorithmus?
Natürlich könnte man einwenden, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis die KI sogar ein Unbewusstes simuliert, um menschlicher zu erscheinen. Doch wenn wir diesen Punkt erreichen, bewegen wir uns möglicherweise bereits auf einem klinisch vertrauteren Terrain: jenem der perversen Züge der künstlichen Intelligenz.
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