Sonntag, 12. Mai 2013

Berlin Lacantektur / Psychoanalyse und Architektur / Berlín psicoanálisis y arquitectura




  Claudio Steinmeyer, Berlin, Ostern 2013
                                                                                                                      
                                                                                                                  

 


Ich möchte zuerst schnell klären das ich von Architektur nicht viel weiß, und von der psychoanalytischer Theorie vielleicht knapp etwas mehr. Aber immerhin  meine Praxis soll mich durch das Thema führen können. Zweifellos lässt sich die Architektur sehr gut als Metapher unserer Praxis benutzen. Schon die Etymologie des Worts „Architektur“ : Kunst des Baus, ladet uns  ein um Parallelismen mit unserem Feld zu überlegen.
Wo liegen die Gemeinsamkeiten zwischen der Architektur und unserer psychoanalytischen Praxis? Ich habe zu dieser Frage eine mögliche Antwort gefunden, die ich heute mit Euch teilen möchte.

Wie üblich will ich dabei freudianische Referenzen immer in Betracht ziehen. In „Konstruktionen in der Analyse“ definiert Freud die Konstruktion als grundlegende Aufgabe des Analytiker: das Vergessene aus den Anzeichen (Spuren), die es hinterlassen, zu konstruieren. Und so ein vollständiges Bild der vergessenen Lebensjahre des Patienten herzustellen.

Freud besagt, dass die Rekonstruktion letztendlich das Ziel eines Archäologen sei, jedoch die Konstruktion für den Psychoanalytiker eine vorbereitende Aufgabe darstellt.

Aber – und jetzt wird’s interessant: nicht „vorbereitend“ wie bei einem Hausbau, bei dem zuerst die Wände aufgerichtet, dann die Türen und Fenster eingebaut werden und schließlich dekoriert wird. Die Konstruktion ist für Freud im logischen Sinne vorbereitend, und er beschreibt eine so genannte Dialektik, die Dialektik der analytischen Vorgehensweise:

Konstruktion... neues Material des Patienten... neue Konstruktion... neues Material... usw.

Dabei sei es kaum notwendig, dass die Konstruktion alle Aspekte der Vergangenheit der vergessenen Fragmente beinhaltet; es reicht, wenn es für den Patienten zu der „Überzeugung“  der historischen Wahrheit führt, mit der wir das gleiche therapeutische Ergebnis erzielen.
Lasst mir bitte euch kurz daran erinnern, dass mit dem Fall “Der Wolfsmann”, Freud verlässt den Versuch die genaue Einzelheiten der Traumtische Szene zu verfolgen und fängt an mit der Phantasie zu arbeiten, denn die Phantasie enthält subjektive Wahrheit egal ob das in der Wirklichkeit geschehen ist oder nicht. Die Phantasie bekommt jetzt ihr eigenes spezifisches Gewicht.


Freud fügt hinzu, dass – anders als beim Archäologen – der Analytiker bei der Konstruktion den Vorteil hat, das Material aus Wiederholungen anhand der Übertragung vor sich zu haben.



Dazu gibt er ein Beispiel, bei dem die Konstruktion die ödipale Situation des Patienten widerspiegelt: Vater, Mutter, Geburt eines Geschwisters, liebevolle Gefühle dem Einen gegenüber und feindliche gegenüber eines Anderen usw.

 
Die Konstruktion sucht also die Überzeugung angesichts der historischen Wahrheit und stellt wieder ein Empfinden von subjektiver Kontinuität her bei Aufhebung des Unterdrückten/Verdrängten.

Auf welchem Wege wollen wir diesen vergessenen, unzugänglichen Teil mit gültiger historischer Wahrheit konstruieren?

Schauen wir uns an, was Lacan dazu beibringt. Im Seminar VII „Die Ethik“ sagt er, dass „die primitive Architektur als etwas definiert werden kann, dass um eine Leere herum organisiert wird“, und vergleicht sie mit dem Krug, den der Töpfer erschafft. Der Krug ist vielleicht das erste industrielle Stück zur Repräsentation einer zu füllenden Leere; hier finden wir die
Abwechslung von leer/voll im Realen, was wir „das Ding“ nennen. Das Reale wird von der Sprache, der Kultur, beeinflusst.

Das Ding wird eines der Schritte Lacans sein, die der Erörterung des Objekts a vorausgehen. Im Realen fehlt nichts, es ist der Krug, oder in unserem Fach der Phallus, der eine Leere entstehen lässt, ein Fehlen.

Im Seminar X „Die Angst“ formt Lacan weiterhin die Idee der Leere, die aus der symbolischen Ordnung entsteht. Er bezeichnet dabei den Ort "minus phi” als “Heim”. Dieser Ort symbolisiert die imaginäre Kastration, der Ort der Angst verursacht, wenn er fehlt. Der Punkt, aus dem heraus der Neurotiker die Kastration des Anderen zu verschließen versuchen wird. Der Andere entspringt einem Meer aus Bedeutungen der Geschichten des “Familienromans”.


Hier können wir eine erste Pause in unserem Weg einlegen und behaupten, dass das, was der
Analytiker konstruiert, mit dieser abwechselnden Leere und Fülle zu tun hat, die die Relation des Subjekts mit dem Realen definieren wird.

Das Subjekt kommt mit einer Beschwerde, einem Anspruch. Wir fahren fort mit der Übertragung dessen, was der Neurotiker sein ganzes Leben getan hat: fordern. Fordern, um das Objekt des Begehrens zu decken. Die Entwicklung der Analyse entspricht dann dem Weg des Subjekts zurück zu seinem Begehren, vom Anspruch $<>D zum Phantom:  $<>a

In diesem Sinne, glaube ich, gibt es einen bedeutenden Augenblick in der analytischen Praxis, in dem eine Art „architektonisches Grundriss“ erschaffen wird, wo wir diesen Weg verzeichnen können, und das ist die Supervision.

Denn die Supervision ist ein guter Platz zur Erfassung des Signifikanten der Übertragung (SÜ - Der unbewusste Name des Analytikers)  und seiner Verbindung mit der phallischen Funktion. Damit formulierte das Subjekt seine ersten Ansprüche angesichts des schmerzhaften Einbruchs der Sprache in die Welt seiner Bedürfnisse, und das Objekt a, in Liebe idealisiert, einschränkte:




i(a) : SÜ <>PHI

Wenn wir konstruieren, dabei aber die phallische Funktion nicht beachten, befinden wir uns in der Suggestion.
Wenn wir konstruieren, ohne den Signifikant der Übertragung zu beachten, greifen wir zurück auf die Theorie des Symbolismus, die uns eine Tür zum korrigierenden Acting-out öffnen kann, indem der Patient uns in Kenntnis setzt, dass wir das Ziel verfehlt haben.

Wenn wir ohne „a“ konstruieren, haben wir die unendliche Analyse; denn die Aufdeckung des Agalmas ist es, was der Trägheit der Übertragungsliebe Einhalt gebietet.



Wenn der Grundriss jedoch richtig ist, wenn die Konstruktion funktioniert, entsteht (oder sollte entstehen, als angestrebtes Ende der Analyse) der Genussname des Subjekts, das Symptom, eine symbolische Erschaffung (ex-nihilo) des Dings aus dem Nichts. Wir könnten es mit der Form eines Witzes vergleichen, denn es hat etwas von einem kalkulierten Lapsus, es beinhaltet eine soziale Verbindung und bedarf einer Sanktion eines Dritten als solche.

Selbstverständlich haben wir es bisher mit einer Art flacher Architektur zu tun gehabt, die sich nicht besonders gut zur Darstellung des Körpers eignet. Das bewegte Lacan dazu, die Theorie der Knoten aufzustellen, eine Topologie zur Darstellung des Realen, Symbolischen und Imaginären, sowie deren suplementären  Knoten. Aber das können wir ein anderes Mal behandeln.





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